Interview mit Finanzchef: Pralle Kriegskasse bei Infineon
Lange galt Infinion als Übernahmekandidat. Finanzchef Marco Schröter ließ durchblicken, dass der Konzern stattdessen bald selbst einkaufen gehen könnte.
Infineon sieht sich für Zukäufe finanziell gut gerüstet. Über 2,5 Mrd. Euro könnte der Münchner Chipkonzern kurzfristig für Akquisitionen mobilisieren - intern und extern. "Über Anleihen und unser genehmigtes Kapital wären wir theoretisch in der Lage, über 1 Mrd. Euro aufzunehmen", sagte Finanzvorstand Marco Schröter in einem FTD-Interview. Rund 1,5 Mrd. Euro liegen aktuell in Infineons Kassen. Schröter deutete an, dass er selbst größere Akquisitionen grundsätzlich für sinnvoll hält. "Ich persönlich glaube, dass eine gewisse Größe einen Wert an sich hat. Wir werden uns aber nicht zu unüberlegten, spontanen Aktionen hinreißen lassen", versprach der Manager, der vor gut zwei Jahren von Schenker zu Infineon stieß.
Damit gibt sich der Finanzchef deutlich offensiver als Vorstandschef Peter Bauer. Der hatte erst jüngst bekräftigt, Zusammenschlüsse bei Unternehmen der Größe Infineons seien in der Vergangenheit selten gewesen und würden es wahrscheinlich auch in Zukunft bleiben.
Seit der Abspaltung von Siemens im Jahr 1999 galt Infineon immer wieder als Übernahmekandidat, da der Dax-Konzern weltweit nur die Nummer elf ist. Durch die schwere Krise der Chipbranche und Managementfehler gerieten die Münchner Anfang 2009 gar an den Rand der Pleite, konnten sich aber durch ein harsches Sparprogramm, Kapitalmaßnahmen und konjunkturellen Rückenwind retten.
Im Aufschwung steht Infineon im Vergleich zu Rivalen wie dem US-Chipkonzern Freescale und dem niederländischen Unternehmen NXP solide da: Beide wurden 2006 überteuert von Finanzinvestoren übernommen und arbeiten seither daran, ihre Schulden in den Griff zu bekommen. So verlor Freescale vergangenes Jahr die Weltmarktführerschaft bei Autochips an Infineon, wie Semicast Research ermittelt hat.
Analysten zufolge käme eine größere Verstärkung am ehesten in den Segmenten Automotive oder Industrie infrage, wo Infineon bereits Nummer eins ist. Schröter sagte dazu nur: "Wir prüfen kontinuierlich sinnvolle Optionen, ganz ohne Eile, um uns auf dem einen oder anderen Geschäftsfeld eventuell verstärken zu können. Konkrete Pläne gibt es derzeit nicht."
Dem Finanzchef zufolge gewinnt der Konzern im Auto- und im Industriegeschäft Marktanteile und erzielt dort auch die höchsten Margen: im zweiten Quartal 16 Prozent respektive 19 Prozent.
Noch mindestens 1 Mrd. Euro mehr für einen großen Wurf könnte Infineon womöglich ein Verkauf der Handychipsparte einbringen. FTD-Informationen zufolge wurde kürzlich JP Morgan mit der Sondierung der Optionen beauftragt. Schröter lehnte jeden Kommentar dazu ab: "Wir haben derzeit viel Freude mit der Mobilfunkchipsparte, sie hat sich sehr gut entwickelt."
Sie gilt als Nummer vier im weltweiten Konzert, aber auf Dauer als zu klein. Intern arbeitet Infineon weiter daran, die Ergebnisse auf ein höheres Niveau zu bringen. Der Konzern hatte kürzlich sein Ziel angehoben und will nunmehr eine Gewinnmarge vor Zinsen und Steuern (Ebit-Marge) von 15 Prozent im Schnitt über einen Konjunkturzyklus erzielen. Vor drei Wochen verkündete der Vorstand in einer Führungskräftekonferenz die Details des neuen "High-Performance-Programms". Damit will der Vorstand die Abläufe effizienter gestalten sowie das Chipportfolio stärker auf höhermargige Produkte konzentrieren.
Verantwortlichkeiten sollen klarer zugeordnet und die Entscheidungsbefugnisse der Führungskräfte erweitert werden, so Schröter. "Wir brauchen mehr Unternehmertum bei Infineon. Infineon braucht das Gewinner-Gen und nicht nur den Survivalmodus." Zudem sollen die Mitarbeiter am Erfolg beteiligt werden. "In diesem Jahr werden wir 10 Mio. Euro als Sonderprämie an alle Mitarbeiter ausschütten", kündigte der Finanzchef an. Ausgezahlt wird sie nach Ende des Geschäftsjahres im September mit Erreichen des letzten Ziels von zehn Prozent Ebit-Marge.
Ein Ende des Booms, der Infineon dieses Geschäftsjahr fast 40 Prozent mehr Umsatz bringen könnte, sei nicht zu spüren. "Für die kommenden zwei bis drei Quartale sehen wir keinerlei Anzeichen für eine Abschwächung unseres Geschäfts", sagte der Finanzchef.
Quelle: FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND
