Conergy baut nun alle Solarzellen selbst
Der Solarkonzern Conergy plant zweieinhalb Jahre nach der Beinahe-Pleite einen Strategiewechsel. Von einem Händler mit angehängter Modulproduktion will Vorstandschef Dieter Ammer das Unternehmen in einen reinen Hersteller von Solaranlagen umwandeln. Das sind schlechte Nachrichten für die Zulieferer.
HAMBURG. "Wir setzen künftig stärker auf unsere Entwickler- und Herstellerkompetenz, auf integrierte, maßgeschneiderte Solarsysteme sowie auf eine Stärkung unserer Kundengruppen", sagte Ammer dem Handelsblatt. Früheren Lieferanten von Solarmodulen wie der japanischen Sharp und Yingli aus China bricht damit ein stabiler Absatzkanal weg.
Um den Absatz aus eigener Kraft zu decken, setzt Ammer auf eine zweigeteilte Produktion nach dem Vorbild der Halbleiterindustrie. Hochwertige Module will der Konzern in seiner Fabrik in Frankfurt an der Oder fertigen, Standardmodule sollen nach den Vorgaben von Conergy von lizenzierten Fremdfirmen hergestellt werden. "Conergy kann damit seine Produktionskosten marktgerecht senken, flexibel auf Marktschwankungen reagieren und durch den verstärkten Verkauf eigener Produkte seine Marge verbessern. Denn warum sollten wir überwiegend fremder Leute Produkte verkaufen, wenn wir eine der stärksten Marken im Markt haben?", sagte Ammer.
Ein weiteres Standbein der Strategie ist eine bessere Abstimmung der einzelnen Komponenten einer Solaranlage - Wechselrichter, Module und Gestelle -, um die Leistung des Systems verbessern. Ammer verspricht sich davon höhere Verkaufserlöse. Conergy tritt damit in direkte Konkurrenz mit Schwergewichten wie Solarworld. Mit dem Strategiewechsel will der Konzernchef den langfristigen Fortbestand der seit dem Jahr 2007 Verluste schreibenden Conergy AG sichern. Für dieses Jahr rechnet Ammer erstmals wieder mit einem Gewinn. Die neue Strategie will der Manager auf der Bilanzpressekonferenz vorstellen, die für diesen Donnerstag geplant ist.
Conergy war Ende 2007 an den Rand der Insolvenz gerutscht und konnte nur durch ein heftiges Sparprogramm gerettet werden. Rand- und Auslandsbeteiligungen wurden verkauft, mehrere Hundert Mitarbeiter mussten gehen. Erst seit Mitte vergangenen Jahres habe sich der Vorstand wieder mit strategischen Fragen befassen können, sagte Ammer, der den Vorstandsvorsitz im Sommer an den früheren Infineon-Chef Andreas von Zitzewitz übergeben wird.
Die Branche steckt in einer tiefen Krise; viele Experten erwarten wegen der geplanten Kürzung der Solarförderung in Deutschland eine Pleitewelle in dem jungen Industriezweig. Belastend wirkt sich vor allem der Verfall der Modulpreise aus.
Nachdem diese im vergangenen Jahr um rund 40 Prozent gefallen waren, gaben sie seit Jahresbeginn um weitere zehn Prozent nach. Mit der neuen Strategie will das Unternehmen die Belastungen aus dem Preisrückgang abfangen. Die Produktionskosten würden durch die Fremdfertigung drastisch gesenkt, sagte Ammer.
Nachholbedarf sieht er indes bei den hochwertigen Solarmodulen aus dem Frankfurter Werk. Mittels Partnerschaften sollten diese technisch weiter aufgerüstet werden. Neben Unternehmen aus der Branche denkt Ammer dabei an junge Technologiefirmen, die über keine eigenen Produktionskapazitäten verfügen. Partner sucht er auch für die Bereiche Wechselrichter sowie Gestelle.
Umschuldung läuft
Neben der Umsetzung der neuen Strategie muss die Conergy-Führung Altlasten beseitigen. Nachdem Ammer den Milliardenstreit mit dem Lieferanten MEMC gütlich bereinigen konnte, steht nun die Verlängerung von Krediten an. Zeit hat er dazu laut den Verträgen bis Juli, er selbst will die Verhandlungen aber möglichst in diesem Monat abschließen.
Es sei aber nicht klar, ob der Zeitplan zu halten ist, sagte er. Die Kreditlinie der Hamburger über insgesamt 600 Mio. Euro wird von 20 Finanzhäusern gespeist, wobei die Commerzbank zu den größten Gläubigern gehört.
Absehbar ist, dass die Hamburger für ihre Kredite künftig tiefer in die Taschen greifen werden müssen. "Wir gehen davon aus, dass die Banken im Schatten der Finanzkrise etwas mehr wollen." Da die Verschuldung insgesamt aber gesunken ist, wird die absolute Belastung niedriger als in den Jahren 2008 und 2009 ausfallen. "Ich glaube, dass wir künftig eine jährliche Zinslast von nördlich 20 Mio. Euro haben werden", sagte Ammer
In die Waagschale kann Ammer den erwarteten Erlös aus dem geplanten Verkauf der Tochter Epuron werfen, der in den kommenden Monaten abgeschlossen werden soll. "Wir können uns vorstellen, dass wir einen Teil des Epuron-Erlöses zum Schuldenabbau verwenden." Epuron entwickelt mit 120 Mitarbeitern Wind- und Solarparks.
Martin Murphy
© Verlagsgruppe Handelsblatt GmbH 2009: Alle Rechte vorbehalten. Die Reproduktion oder Modifikation ganz oder teilweise ohne schriftliche Genehmigung der Verlagsgruppe Handelsblatt GmbH ist untersagt. All rights reserved. Reproduction or modification in whole or in part without express written permission is prohibited.
Quelle: HANDELSBLATT
