Exit-Diskussion: Fannie und Freddie vereiteln Bernanke die Geldpolitik
Fed-Präsident Bernanke arbeitet an dem Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik. Angewiesen ist er dabei auf die Mithilfe der Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac. Die Firmen verzerren seit ihrer Quasi-Verstaatlichung den Geldmarkt.
Die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) ist bei der Straffung der Geldpolitik auf Fannie Mae und Freddie Mac angewiesen. Derzeit sorgten die Hypothekenfinanzierer dafür, dass der effektive Leitzins unter dem gewünschten Niveau liege: "Verantwortlich dafür sind die Struktur des Federal-Funds-Markts und dabei die Hypothekenfinanzierer", sagte Joseph Abate, Volkswirt bei Barclays Capital.
Notenbanken in aller Welt diskutieren, wann und wie sie die Geldpolitik verschärfen. Für die amerikanische Fed stellt sich die Frage besonders dringlich. Nicht nur senkte sie den Leitzins auf das historische Tief von 0 bis 0,25 Prozent. Sie kaufte darüber hinaus noch 300 Mrd. $ an Staatsanleihen und 1250 Mrd. $ an hypothekenbesicherten Wertpapieren auf. Deshalb weitete sich ihre Bilanzsumme auf rund 2200 Mrd. $ aus. Fed-Präsident Ben Bernanke skizzierte vergangenen Mittwoch einen möglichen Ausstieg, vermied aber Details.
Großes Augenmerk legt Bernanke bei seiner Exit-Strategie auf den Einlagenzins. Seit dem 9. Oktober 2008 zahlt die Notenbank Zinsen auf Einlagen, die Geschäftsbanken bei ihr über Nacht halten. Momentan liegt der Satz bei 0,25 Prozent. Der Einlagenzins soll theoretisch eine Untergrenze für den Leitzins ("Federal Funds Rate") darstellen. Der Grundgedanke: Kreditinstitute haben keinen Anreiz, überschüssige Liquidität zu niedrigeren Konditionen zu verleihen, als sie bei der Fed risikolos bekommen.
Doch in den USA gilt dieser Zusammenhang momentan nicht. Der effekte Leitzins ("Effective Federal Funds Rate") liegt mit 0,12 Prozent deutlich unter dem Einlagenzins. Ein wichtiger Grund dafür laut Morten Bech und Elizabeth Klee, Ökonomen an der New Yorker Fed: Den Hypothekenfinanzierern Fannie Mae und Freddie Mac bleibt im Gegensatz zu den Geschäftsbanken die Möglichkeit verwehrt, ihr Kapital bei der Fed anzulegen. Deshalb sind sie gezwungen, die Liquidität auf dem Federal-Funds-Markt zu verkaufen - was den Zins drückt.
Den Federal-Funds-Markt gibt es seit den 1920er-Jahren. Ursprünglich diente er den Banken dazu, Reserven kurzfristig zu parken. Über die Jahrzehnte nahm die Handelsaktivität zu, weil die Kreditinstitute ihre Refinanzierung kurzfristiger aufstellten. Traditionell große Verkäufer von Liquidität sind Fannie Mae, Freddie Mac und die Federal Home Loan Banks. Sie müssen kurzfristig Bargeld parken, um Hypothekenzahlungen schnell an Investoren weiterreichen zu können. Liquiditätskäufer sind Geschäftsbanken, die so Lücken in der Finanzierung decken.
Laut Bech und Klee veränderte sich der Federal-Funds-Markt während der Krise grundlegend. Seitdem die Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mae unter der Kuratel des Staates ständen, müssten sie mehr Bargeld parken als vor der Krise - und seien dementsprechend große Verkäufer auf dem Federal-Funds-Markt. Zweitens hätten die quasi-staatlichen Gesellschaften die Zahl der Gegenparteien verringert. Drittens weigerten sich die Geschäftsbanken, Transaktionen mit Fannie Mae und Freddie Mac einzugehen.
"Der Marktanteil von Fannie Mae und Freddie Mac im Federal-Funds-Handel ist deutlich gestiegen. Das zieht den effektiven Leitzins nach unten", schreiben Bech und Klee. Im Zuge der Krise konzentrierte sich der Federal-Funds-Handel zusehends auf einzelne große Teilnehmer. Laut Bech und Klee entfallen auf die drei größten Fed-Distrikte inzwischen 75 Prozents des Volumens. Im Juli 2007 hatte die Quote noch bei 60 Prozent gelegen.
Um den effektiven Leitzins zu erhöhen, empfehlen Experten, dass Fannie Mae und Freddie Mac künftig ihre überschüssige Liquidität auch bei der Fed anlegen können. Das würde ihren Anteil am Federal-Funds-Markt von 85 Prozent auf 20 bis 40 Prozent verringern, meint Barclays-Capital-Ökonom Abate. Zusätzlich könnte man sie vom Zwang befreien, das Geld im Federal-Funds-Handel anbieten zu müssen: "Das ist mehr eine politische als eine wirtschaftliche Frage. Wir zweifeln aber daran, ob die Hypothekenfinanzierer und die Fed die notwendige politische Kraft dafür besitzen."
Zweite Option wären Reverse-Repo-Geschäfte mit Fannie Mae und Freddie Mac. Bei solchen Transaktionen verleiht die Fed Wertpapiere und entzieht dem System dadurch Liquidität. Fed-Präsident Bernanke kündigte bereits an, die Zahl der Reverse-Repo-Gegenparteien möglicherweise über den Kreis der Primärhändler hinaus zu erweitern. "Wenn man sich die Bargeldbestände von Fannie Mae und Freddie Mac anschaut, dürften Transaktionen im Umfang von 150 Mrd. $ ausreichen, um den Marktanteil der Hypothekenfinanzierer zu senken", sagte Abate.
Neben den Hypothekenfinanzierern spielen Geldmarktfonds in der Strategie Bernankes eine herausragende Rolle. Die Fonds verwalten momentan 3200 Mrd. $, die sie in kurzfristigen Wertpapieren wie Schatzwechsel und Schuldverschreibungen angelegt haben. Die Fed diskutiert mit ihnen momentan, wie die Liquidität verringert werden kann.
Wie bei Fanne Mae und Freddie Mac könnten auch hier Reverse-Repo-Geschäfte zum Einsatz kommen. "Die Aussicht, mit der Notenbank handeln zu können, stimmt optimistisch. Das verringert das Risiko", sagte Deborah Cunningham, Leiter Anlagestrategie beim Vermögensverwalter Federated Investors, der auf Geldmarktfonds spezialisiert ist. Doch noch gibt es technische Hindernisse. Die Geldmarktfonds legen Wert darauf, dass die Laufzeit der Reverse-Repo-Geschäfte kürzer ist als sieben Tage. Dem Vernehmen nach arbeitet die Fed an einer Struktur, die solche Transaktionen erlauben würde, ohne dass die Notenbank Woche für Woche Milliarden hin- und her transferieren muss.
Quelle: FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND
