Die ruhige Hand gewinnt: Altmeister Kostolany hatte doch recht
Die Börsen fahren Achterbahn, und die Aktiendepots vieler Anleger schmelzen dahin. Dennoch: Geduld ist auch in Zukunft besser als teurer Aktionismus. So gilt Disziplin an der Börse als erfolgreiche Tugend. In diesem Sinne lebt die Idee des Buy-and-Hold weiter.
Würde André Kostolany heute noch leben, müsste er wohl um seinen Ruf fürchten. Der 1999 verstorbene Investor war ein Prediger der ruhigen Hand: Anleger sollten eine Aktie kaufen, ein Schlafmittel nehmen und sich dann möglichst lange zur Ruhe betten. Der Erfolg, so Kostolanys Credo, würde sich mit der Zeit schon einstellen.
Inzwischen müssen Investoren schon sehr alt werden, damit sich das Anlageprinzip für sie noch auszahlt. Zehn Jahre nach Kostolanys Tod und zwei Börsenzyklen später stehen viele Privatanleger mit leeren Händen da. Per Ende Januar wiesen Aktienfonds mit Anlageschwerpunkt Deutschland auf Sicht von zehn Jahren im Schnitt eine Rendite von minus zwei Prozent aus - pro Jahr wohlgemerkt.
Die Vergangenheit zeigt, dass das klassische Buy-and-Hold-Prinzip in volatilen Märkten nichts einbringt. Doch an den Schwankungen wird sich wohl nichts ändern. "Die Phase gleichmäßiger Kursanstiege ist vorbei", sagt Stefan Rehder, Geschäftsführer von Value Intelligence Advisors. Mit seinem Value Consensus klopft Rehder regelmäßig die Stimmung unter Value-Investoren ab. Gerade ihr Urteil hat einen hohen Stellenwert, da sie keinen Anlagetrends folgen, sondern nach unterbewerteten Aktien suchen und langfristig denken. Und auch ihnen schwant, dass nun eine lange Seitwärtsphase folgen wird - mit Schwankungen von 25 Prozent nach oben wie nach unten. Ähnlich wie in Japan, wo der Aktienmarkt seit 1990 faktisch auf der Stelle tritt. Was sollen Anleger tun? Zahlt sich die Treue zu einer Aktie noch aus?
Für Riklef von Schüssler, Geschäftsführer beim Vermögensverwalter Feri, hat das Buy-and-Hold-Prinzip nach wie vor seine Berechtigung. Er versteht darunter jedoch nicht das Festhalten an einer Aktie, sondern an einer Strategie. "Meine Überzeugung ist, dass Anleger ein langfristiges Konzept brauchen, bestehend aus mehreren Anlageklassen. Und dieses sollten sie möglichst unverändert lassen", sagt von Schüssler. Aus seiner Sicht liegen in einer verkehrten Vermögensplanung die größten Gefahren. "Wenn das Grundgerüst von vornherein falsch aufgebaut ist, dann führt das früher oder später zu prozyklischem Verhalten." Heißt: Legt ein Investor anfangs ein zu großes Gewicht auf Aktien und brechen die Kurse danach ein, wird er in der Folge auf sicherere, aber unrentablere Anlageklassen umsteigen und sich um Ertragschancen bringen.
Von Schüsslers Ansicht belegt, dass die Idee des Buy-and-Hold keineswegs außer Mode ist. Standfestigkeit gilt noch immer als Erfolg versprechende Tugend an der Börse. Dieses Leitbild tritt jedoch nicht mehr in Bezug auf eine Einzelaktie auf, sondern hat eine höhere, strategische Bedeutung - mal hinsichtlich eines Vermögenskonzepts, mal in Bezug auf die grundsätzliche Einschätzung zu einem Teilmarkt. "Wenn man Buy-and-Hold als Bekenntnis zu langfristigen Investments sieht, spielt es nach wie vor eine Rolle. Wir sind zum Beispiel überzeugt davon, dass die Aktienmärkte der Schwellenländer auf lange Sicht höhere Erträge liefern werden als die der Industrienationen ", sagt Jörg Zeuner, Chefvolkswirt der VP Bank. Darum halte man auch in schwierigen Zeiten an einer Mindestquote für Schwellenländerinvestments fest.
Im Sinne von "Disziplin halten" ist das Buy-and-Hold-Prinzip selbst am Aktienmarkt noch heute erfolgreich. Trotz stagnierender Börsen haben es etwa viele Value-Investoren in den vergangenen zehn Jahren geschafft, positive Renditen zu erzielen. Sie eint, dass ihre Anlagestrategie klar definierten Regeln folgt. Sie springen nicht auf jeden Börsentrend auf, meiden überbewertete Aktien und umgehen so Spekulationsblasen. Privatanleger besitzen diese Disziplin oft nicht.
In seiner strengen Auslegung hat das Buy-and-Hold-Prinzip freilich selbst bei den Anlageprofis ausgedient. Fondsmanager wie Jens Ehrhardt erlauben sich schon mal, die Aktienquote bis auf null Prozent zu senken. Für von Schüssler steht das aber nicht im Widerspruch zum festen Vermögenskonzept: "Unterhalb des starren Überbaus sollte es gewisse Freiheitsgrade geben."
Gerade gemanagte Aktienfonds halten Experten künftig für die bessere Wahl. "Die volatilen Phasen sprechen gegen Indexfonds", sagt Rehder. Denn damit reiten Anleger jede Welle mit und müssen in zehn Jahren vielleicht erneut feststellen, dass sie nichts gewonnen haben. Ob es den Managern freilich gelingt, den Markt zu schlagen, ist ungewiss.
Quelle: FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND
