Für die sonst so vom Erfolg verwöhnte Solarbranche brechen trübe Zeiten an: Konkurrenten aus Fernost setzen die deutschen Hersteller stark unter Druck. Und die Politik will die Förderung zurückfahren.
BONN BERLIN. Verbraucherschützer fordern einen starken Einschnitt bei der Förderung von Solarstrom und sprechen sich dafür aus, die Vergütungssätze künftig rascher nach unten anzupassen. "Ein Einschnitt von 30 Prozent wäre gut", sagte Holger Krawinkel, Energieexperte beim Bundesverband der Verbraucherzentralen. Außerdem müssten die Vergütungen jährlich nachjustiert werden können.
Die Verbraucherschützer sitzen mit am Tisch, wenn Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) am kommenden Mittwoch mit der Solarbranche über Einschnitte verhandelt. Die Branche zeigt sich grundsätzlich offen für Kürzungen, will jedoch starke Einschnitte vermeiden.
Hintergrund ist der starke Preisverfall für Solarmodule, der dazu führt, dass sich Sonnenstrom immer kostengünstiger produzieren lässt. Die Einspeisevergütungen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) aber werden nur moderat nach unten angepasst. Das sorgt bei den Anlagenbetreibern für hohe Renditen. "Renditen von sechs oder sieben Prozent sind in Ordnung. Derzeit erreichen die Renditen aber den zweistelligen Bereich. Das ist nicht vertretbar", sagte Krawinkel.
Durch die anstehende Kürzung der Solarförderung wird sich aus Branchensicht der Ausleseprozess in dieser jungen Industrie beschleunigen. "Nur professionalisierte High-Tech-Unternehmen, die ihre Kosten im Griff haben, werden überleben", sagte Solarworld-Chef Frank Asbeck dem Handelsblatt. Vorbild für die künftige Aufstellung der Solarbranche sei die deutsche Fahrzeugindustrie mit ihrem hohen Automatisierungsgrad.
Ziel müsse es sein, den Anteil der Personalkosten an den Gesamtausgaben unter zehn Prozent zu drücken. "Neben uns gelingt dies nur sehr wenigen Unternehmen." Vor allem wegen der preisgünstigen Konkurrenz aus China bläst den deutschen Solarfirmen der Wind hart ins Gesicht. Nach Rekordzuwächsen in den vorherigen Jahren hat die erfolgverwöhnte Branche 2009 allenfalls ein kleines Wachstum geschafft. Die Experten von Sarasin sehen sogar nur ein "Nullwachstum".
Belastend wirkt sich neben dem Einbruch des spanischen Marktes der von der Finanzkrise verursachte Absatzeinbruch in der ersten Jahreshälfte aus, der den Preisverfall bei Solarmodulen beschleunigte. Die Preise schrumpften seit Herbst 2008 um bis zu 50 Prozent.
Preisdruck erzeugen vor allem chinesische Hersteller, die dank niedriger Lohnkosten ihre Module billiger anbieten können. Viele deutsche Spieler konnten den Verfall nicht ausgleichen und rutschten in die Verlustzone. Solarworld, mit einem Umsatz von über einer Mrd. Euro einer der Großen der Branche, gehört zu den wenigen Konzernen, die das abgelaufene Geschäftsjahr mit einem Gewinn abgeschlossen haben, wie Asbeck sagte.
Auf eine Entspannung im neuen Jahr können die Unternehmen nicht hoffen, weil die Bundesregierung die Förderung von Solaranlagen schneller senken will, als es derzeit noch im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) festgeschrieben ist. Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) will kommenden Mittwoch mit Vertretern der Branche und Verbraucherschützern über zusätzliche Einschnitte zur Jahresmitte verhandeln.
Die Verbraucherschützer propagieren eine harte Linie: "Ein Einschnitt von 30 Prozent wäre gut", sagte Holger Krawinkel, Energieexperte beim Bundesverband der Verbraucherzentralen, dem Handelsblatt. Er plädiert dafür, das Fördersystem grundsätzlich zu ändern. Die Vergütungen müssten jährlich nachjustiert werden können.
Hintergrund der Diskussion ist der starke Preisverfall für Solarmodule, der dazu führt, dass sich Sonnenstrom immer kostengünstiger produzieren lässt. Die Einspeisevergütungen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) aber werden nur moderat nach unten angepasst. Die Degression wird für vier Jahre im Voraus festgelegt. "Die Anpassung der Förderung muss wesentlich dynamischer werden", forderte Krawinkel. "Da ist die Politik in der Pflicht. Das Bundesumweltministerium muss ein wesentlich besseres Monitoring der Marktentwicklung aufbauen. Auf dieser Basis lässt sich die tatsächliche Kostenentwicklung vernünftig bewerten", sagte Krawinkel. Die Verbraucherschützer sehen hohe Einspeisevergütungen kritisch, weil sie von allen Stromkunden gemeinsam getragen werden. Sie belaufen sich mittlerweile jährlich auf Milliardenbeträge.
Aus Sicht von Asbeck wird der geplante Einschnitt bei den EEG-Vergütungen nicht ohne Folgen für die Solarbranche bleiben. Die Konsolidierung werde dadurch beschleunigt, sagte er. Absehbar sei auch, dass einige Firmen aufgeben oder fusionieren müssten. Übrig bleiben würden fünf bis sechs Unternehmen, zu denen Solarworld gehören werde. Die Neuordnung des jungen Industriezweiges ist bereits angelaufen. Bosch baute mit dem Erwerb von Ersol und Aleo Solar einen Geschäftsbereich für Sonnenenergie auf, Siemens übernahm die israelische Solel.
Analysten rechnen indes damit, dass weitere Firmen aus dem Solarsektor pleitegehen werden. 2009 hatte unter anderem City Solar Insolvenz beantragen müssen.
Um ihr Überleben zu sichern, müssen Solarfirmen aber nicht nur auf die Kosten schauen. Wichtig sei auch, in den technologischen Fortschritt zu investieren, sagte Asbeck. "Wir müssen die Wirkungsgrade unserer Solarzellen erhöhen." Mit diesem Qualitätsvorteil könnten sich die deutschen Spieler gegenüber der Konkurrenz aus Fernost besser positionieren.
Solarworld-Gründer bringt Anteile in Stiftung ein
Solarworld-Chef Frank Asbeck will den Solarkonzern langfristig unter Kontrolle seiner Familie halten. "Nach meinem hoffentlich noch weit in der Ferne liegenden Lebensende wird das Aktienpaket in eine Stiftung eingebracht", sagte der Firmengründer dem Handelsblatt. Diese sei Ende vergangenen Jahres gegründet worden, an der Spitze werde für einige Generationen ein Vertreter der Familie Asbeck stehen. Mit dem Erlös aus der Solarworld-Beteiligung soll die Stiftung die Erforschung neuer Techniken für die Solarenergie fördern. "Weitere Schwerpunkte sind Kultur und karitative Zwecke."
Asbeck hält ein Viertel der Solarworld-Aktien und hat stets beteuert, an der Sperrminorität festhalten zu wollen. Dennoch reißen Verkaufsspekulationen nicht ab, als möglicher Käufer wurde in der vergangenen Woche der japanische Sharp-Konzern genannt. Haltlos waren die Gerüchte nicht, hatte Asbeck doch vor einigen Jahren den Ausstieg aus dem Solarkonzern durchgespielt, sich dann aber dagegen entschieden.
Seine Hoffnungen ruhen darauf, dass Solarworld sich als führendes Unternehmen der Branche behaupten kann. Seit der Gründung im Jahr 1999 hat sich die Solarworld AG von einer Handelsfirma zu einem integrierten Konzern entwickelt, der die Wertschöpfungskette weitgehend abdeckt.
Mit dem Abflauen des Solarbooms im vergangenen Jahr musste sich Asbeck aber wie die Konkurrenz auf ein gedrosseltes Wachstum einstellen. Dennoch zeigte er sich mit dem Verlauf des abgeschlossenen Geschäftsjahres zufrieden. "Wir haben einen Umsatz von über einer Mrd. Euro erzielt und damit unsere Erwartung erfüllt", sagte der 50-Jährige. Zum Ergebnis machte er keine Angaben. Asbeck betonte jedoch, dass Solarworld im Gegensatz zu einigen Konkurrenten schwarze Zahlen geschrieben habe.
Im Jahr 2008 hatten die Bonner bei einem Umsatz von 900 Mio. Euro einen Überschuss von 149 Mio. Euro erzielt. Diese Rendite dürfte der Konzern 2009 nicht mehr erreichen, da der Verfall der Modulpreise sich in der Bilanz niederschlägt. In den ersten neun Monaten lag die Nettorendite bei elf Prozent und damit acht Prozentpunkte unter dem Vorjahreswert.
Ungeachtet der geplanten Kürzung der Solarförderung blickt der Konzerngründer mit Zuversicht auf das neue Geschäftsjahr. "Wir haben unsere Kosten im Griff und können die Absenkung der Fördersätze an unsere Kunden weitergeben", sagte er. Die Preise für Solarworld-Module sinken damit um neun Prozent.
Helfen soll auch eine bessere Nachfrage. Die Experten von Sarasin erwarten für dieses Jahr ein weltweites Wachstum von 46 Prozent, wobei vor allem China, Italien und die USA zulegen sollen. Auch 2011 und 2012 werde der Zuwachs in diesem Umfang liegen, heißt es in der Studie der Schweizer Bank.
Um seine Position zu halten, baut Solarworld seine Kapazitäten in Deutschland und den USA deutlich aus. Insgesamt investiert Asbeck eine Mrd. Euro in neue Fertigungslinien. Dadurch will Asbeck auch die Unabhängigkeit sichern. Denn mit dem Eintritt von Schwergewichten wie Bosch und Siemens sowie zunehmender Konkurrenz aus Fernost steigt der Wettbewerbsdruck.
Den Unternehmen kommt allerdings entgegen, dass die Rohstoffkosten fallen. Die Bezugsverträge werden derzeit nachverhandelt, die Vorlieferanten gewähren dabei erhebliche Preisnachlässe.
Marktentwicklung
Feste Verträge: Viele Solarfirmen können den Verfall der Zell- und Modulpreise nicht an ihre Lieferanten weitergeben, da die Siliziumhersteller langfristige Verträge mit hohen Preisen haben. Operativ schrieb daher auch Schwergewicht Q-Cells Verluste.
Rabatte: Um das Überleben ihrer Kunden zu sichern, gewähren die Lieferanten nun Preisnachlässe. Deren Wirkung sollte sich 2010 entfalten.
© Verlagsgruppe Handelsblatt GmbH 2009: Alle Rechte vorbehalten. Die Reproduktion oder Modifikation ganz oder teilweise ohne schriftliche Genehmigung der Verlagsgruppe Handelsblatt GmbH ist untersagt. All rights reserved. Reproduction or modification in whole or in part without express written permission is prohibited.
Quelle: HANDELSBLATT
