Staatsschulden: Angst vor japanischer Bondblase
Seit mehr als zehn jahren steckt Japan in der Deflation - und stöhnt zugleich unter einer gewaltigen Schuldenlast. An den Märkten geht deshalb die Angst vor Anleiheverkäufen um - geschürt durch einen legendären Kritiker der zusammengebrochenen Lehman Brothers.
David Einhorn hat ein neues Ziel ausgemacht: Der Hedge-Fonds-Manager, der 2008 gegen die Investmentbank Lehman Brothers wettete und Recht behielt, richtet seine Angriffskraft jetzt gegen Japan. "Das Land hat den kritischen Punkt überschritten und wird nicht mehr umkehren können", sagt Einhorn. Seine These: Es droht eine Schuldenkrise und ein Platzen der Bondblase - das heißt wesentlich höhere Renditen.
Einhorns Warnung sorgte für Aufruhr an den Märkten. Er ist vor allem an Optionen auf Zinsswaps abzulesen. Solche Finanzinstrumente werden im Fachjargon "Swaptions" genannt. Die Schwankungen in dem zehnjährigen Papier kletterten von 3,6 auf 4,5 Prozent. Auch fünfjährige Kreditderivate, mit denen sich Gläubiger gegen den Ausfall Japans absichern können, verteuerten sich: Der CDS-Aufschlag kletterte seit Anfang August um 91 Prozent.
Selbst zehnjährige japanische Staatsanleihen gerieten unter Verkaufsdruck. In den vergangenen fünf Wochen stieg die Rendite. Am 10. November erreichte sie 1,485 Prozent - das ist der höchste Stand seit Juni. In den vergangenen Tagen entspannte sich die Situation allerdings leicht. Kurse und Renditen von Staatsanleihen bewegen sich gegenläufig.
Japan ächzt unter Schulden. Die Verbindlichkeiten belaufen sich auf rund 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Ein Anstieg der Anleihenrenditen führt vor dem Hintergrund eines solch großen Volumens schnell zu deutlich höheren Zinsaufwendungen. Momentan wendet das Land nach Berechnungen von Barclays Capital jährlich 25 Prozent der Staatseinnahmen für Schuldenzahlungen auf.
Skeptiker halten es für möglich, dass Japan zu einem Menetekel für andere Länder werden könnte. Zahlreiche Staaten - darunter auch die USA - stützen die Konjunktur und setzten Bankenrettungspakete auf. Das erhöht die Staatsschulden.
Laut Dylan Grice, Stratege bei Société Générale, könnte eine Schuldenkrise in Japan weltweit den Bondmarkt in Turbulenzen stürzen: "Japan könnte der Auslöser sein. Die heimischen Sparer waren immer die größten Anleihenkäufer. Jetzt sinkt die Sparquote. Heißt das nicht, dass es bald keine Bondkäufer mehr gibt?", fragte Grice in einem Researchbericht. "Das könnte einen regelrechten Dominoeffekt nach sich ziehen."
Der Regierungswechsel in Tokio erschwert aus Sicht der Investoren die Situation. Die Demokratische Partei DPJ will die Bürokratie grundsätzlich umbauen. Bis jetzt hat sie keine klaren Ziele zur Haushaltskonsolidierung genannt. "Ein Problem besteht darin, dass es keine expliziten Aussagen der Regierung bezüglich mittel- und langfristiger Haushaltsziele gibt. Das stärkt nicht gerade das Vertrauen am Markt", sagte Stefan Liiceanu, Anleihenstratege bei Barclays Capital. "Es gibt derzeit zu viel Angebot an Staatsanleihen. Außerdem ist der Bestand an Verbindlichkeiten wesentlich größer als früher."
Für steigende Bondrenditen könnte kurz- und mittelfristig auch ein Anziehen der Wirtschaft sorgen. Volkswirte gehen davon aus, dass das japanische BIP im dritten Quartal um auf das Jahr hochgerechnet 2,9 Prozent wuchs. Die Kennziffer für die Wirtschaftsentwicklung wird am kommenden Montag veröffentlicht. "Wenn man zyklisch denkt, dann gibt es momentan keinen Grund, groß in Anleihen zu investieren", sagte Masashi Shimominami, Marktanalyst bei Mizuho Securities.
Immerhin mehren sich innerhalb der DPJ Stimmen, die auf die Probleme eingehen. Finanzminister Hiroshisa Fuji warnte diese Woche vor steigenden Anleiherenditen und einer daraus resultierenden größeren Zinslasten. Fuji kündigte auch an, das Volumen an Neuemissionen auf dem aktuellen Niveau von 44.000 Mrd. Yen zu halten.
Erleichternd kommt hinzu, dass die Nachfrage nach japanischen Bonds trotz der zahlreichen kritischen Stimmen nach wie vor groß ist - vor allem aus dem Land selbst. "Die Unternehmen in Japan halten sich mit Kapitalinvestitionen zurück und fragen weniger Kredite nach. Deshalb investieren die Banken stark in Staatsanleihen", sagte Akitoshi Masuda, Portfoliomanager beim Bondinvestor Diam.
Dollar-Schwäche erhöht Japan-Risiko
Tim Backshall, Stratege bei Creditresearch, führt zudem andere Faktoren als die Angst vor eine Schuldenkrise an - zumindest was den Anstieg der Absicherungskosten über Kreditderivate betrifft. Er verweist stattdessen auf die Dollar-Schwäche: "Für mich spiegelt der gewaltige Anstieg beim Risiko Japans vor allem die Schwäche des Greenbacks wider."Wer Absicherung gegen einen Ausfall Japans kaufe, tue das in Dollar. Wertet der Greenback ab, dann verliert die Absicherung an Wert - und mehr Derivate müssen gekauft werden. "Kurzfristig hat sich an der Schuldenstatistik Japans ja nichts geändert. Deshalb sehe ich eher den Währungsaspekt am Werk." Der Dollar notiert momentan bei knapp 90 Yen - elf Prozent tiefer als Anfang April.
Quelle: FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND
